THE DIGITAL LEADERS FUND "Besser investieren" vom 16.03.2022

Investieren in Krisenzeiten: Strategien zwischen Resilienz und Hasardeurtum

Geld angelegt werden muss immer, aber wie investiert man in Krisenzeiten? Wir nehmen uns vier beliebte Strategien von Investoren vor und überprüfen sie auf ihre Tragfähigkeit in der Praxis.

Die russische Invasion der Ukraine hat starke Turbulenzen an den Märkten ausgelöst. Die Verluste fielen in diesem Jahr in den wichtigsten Anlageklassen ziemlich hoch aus. Nur Rohstoffe, Edelmetalle und Inflationsschutz-Anleihen haben zugelegt. Aber das sind Randmärkte, die allenfalls als Beimischung geeignet sind. Die Märkte, auf denen Anleger unterwegs sind, haben verloren: die meisten Aktien- und Anleihensegmente. Und es sind nicht nur die Verluste, die Anleger umtreiben: Die Schwankungen der Kurse innerhalb einzelner Tage sind immens. Das schreckt viele Anleger ab. Und dennoch: Wer langfristig ein Vermögen aufbauen will, muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie er oder sie sich in hochnervösen Märkten verhalten soll.

Im heutigen Umfeld neigen viele Anleger reflexartig zur Flucht und warten dann für gute Gelegenheiten zum Wiedereinstieg an der Seitenlinie. Andere stellen sich der Baisse und investieren entsprechend ihren Überzeugungen und Szenarien. Dann gibt es Anleger, die die Füße still halten und nichts tun. Die vierte Gruppe will investieren, findet aber keinen Anfang. Die Vorgehensweise dieser vier Anlegertypen wollen wir uns im Folgenden etwas genauer anschauen und die Tragfähigkeit ihrer Strategien überprüfen.

1. Buy and Hold: Die schwierige Königsdisziplin

Einmal einsteigen, die Fonds oder ETFs liegen lassen und nach Jahrzehnten reich sein. Das klingt trivial. Viele Anleger bezweifeln deshalb den Erfolg dieser sehr simplen Strategie – insbesondere in Krisenzeiten. Wäre es dann nicht besser, aktiv zu handeln, das Risiko zu reduzieren, um dann am Tief wieder einzusteigen? So plausibel dieses Argument klingt, so fehlerhaft ist die Prämisse. Stillhalten ist fast immer die beste Option.

Bekanntlich wird an der Börse weder zum Ausstieg noch zum Einstieg geklingelt. Anleger unterschätzen die große Bedeutung der kontinuierlichen Präsenz an den Märkten. Die besten Renditen kommen nicht nur inmitten einer Hausse, sondern auch in volatilen Marktphasen zustande. Das wollen wir nicht wahrhaben, weil wir fälschlicherweise glauben, dass wir im Angesicht einer Krise „etwas tun“ müssen. Aber wie erfolgversprechend ist das? Sind wir in der Lage etwas zu bewegen – außer im schlimmsten Fall Verluste zu realisieren? Schauen wir uns die DAX Performance der vergangenen Jahrzehnte näher an.  

Besonders hoch waren die Verluste beim deutschen Leitindex DAX in den letzten Monaten der Dot-Com-Krise von 2000 bis 2003. Im Dezember 2002 verlor der deutsche Leitindex knapp 13 Prozent. Im Januar 2003 büßte er gut fünf Prozent ein, im Februar lag das Minus bei 7,3 Prozent und im März bei minus 4,8 Prozent. Die Wende kam abrupt. Im April 2003 schnellte der Dax sage und schreibe um 21,4 Prozent in die Höhe. Der starke Anstieg sollte bis August 2003 dauern. Das hatten nur wenige kommen sehen, auch die Profis nicht. So lagen die Kosten der Allianz-Versicherung für die Absicherungen ihrer Aktienpositionen im zweiten Quartal 2003 bei zehn Milliarden Euro!

Ähnlich vollzog sich die Entwicklung am Ende der großen Finanzkrise 2007 bis 2009. Im Januar und Februar 2009 waren die Verluste beim DAX mit 9,2 Prozent bzw. 11,4 Prozent sehr hoch. Anleger waren damals im Krisenmodus. Doch die Erholung kam scheinbar aus dem Nichts: Plus 6,3 Prozent schnellte der DAX im März 2009 nach oben, im April lag das Plus sogar bei knapp 17 Prozent. Kaum jemand hatte diese rapide Erholung kommen sehen. Die meisten Investoren waren noch dabei, ihre Wunden zu lecken und konnten die Abwendung des Untergangs des Finanzsystems noch nicht richtig fassen.

Noch präsenter dürfte Anlegern die Entwicklung der Corona-Krise sein. Im Februar 2020 brach der DAX um 8,4 Prozent ein, im März um 16,4 Prozent. Damals waren die Märkte schneller abgestürzt als jemals seit der Finanzkrise von 1929. Doch schon vier Wochen nach Beginn des Crashs hob der Markt zu einer fulminanten Erholung an, nachdem klar geworden war, dass die Regierungen und Notenbanken die Wirtschaft massiv stützen würden. Im April 2020 stieg der DAX um 9,3 Prozent und im Mai und Juni jeweils um rund 6,5 Prozent. So schnell hatten nur die wenigsten Anleger die Wende erwartet.

Um die optimale Rendite zu sichern, geht es übrigens nicht um Wochen oder Monate, sondern um Tage. Wie wichtig einzelne Zeitabschnitte für die Gesamtrendite sind, zeigt eine Beispielrechnung zur Entwicklung des DAX in den vergangenen zehn Jahren. Kumuliert legte der Index per Ende Februar 2022 um knapp 111 Prozent zu. Rechnet man die besten fünf Handelstage heraus, sinkt die Performance zwischen 2012 und 2022 auf knapp 26 Prozent. Das zeigt, dass Anleger keine Zeit zu verschenken haben – dafür ist das Geld zu knapp!

Derartige Rechenbeispiele gibt es viele. Besonders gut lässt sich der Erfolg stabiler Asset Allocation Strategien bei Mischfonds ablesen. Fondsmanager, die versuchen, das Risiko taktisch zu reduzieren, fahren damit en gros nicht gut. Flexible Mischfonds erzielten in der Vergangenheit schlechtere risikoadjustierte Renditen als Mischfonds, die eine strategische Asset Allocation verfolgen und nicht versuchen, durch Trading die Rendite zu optimieren. Auch Fondsmanager sind nur Menschen – auch sie können nicht die Entwicklung der Märkte antizipieren. Nicht umsonst ist das Sprichwort „Hin und Her macht Tasche leer“ Legende.

2. Buy the Dip: Schillernde Strategie, fragwürdiger Erfolg

Buy the Dip ist der Gegenpart der vermeintlich langweiligen Buy and Hold Strategie. Es ist eine der schillerndsten Investment-Strategien überhaupt. Der Mythos geht so: Anleger kaufen gezielt, wenn die Kurse massiv einbrechen. Doch die Annahme, dass tollkühne Investoren, die der Volatilität trotzen, in der Baisse die Voraussetzung für hohe Renditen in der Zukunft schaffen, steht aus mehreren Gründen auf wackeligen Füßen.  

Verhaltensforscher geben zu bedenken, dass Buy the Dip in der Theorie zwar verlockend klingt, in der Praxis jedoch nicht funktioniert. Denn viele Anleger verlieren im Angesicht einbrechender Kurse die Nerven und kaufen dann eben nicht – oftmals mit der Ausrede, die Kurse würden ja noch viel tiefer fallen. Solche Anleger bleiben an der Seitenlinie stehen und verpassen damit wertvolle Zeit – und Rendite.

Es gibt auch finanzmathematische Gründe, warum Buy the Dip als Strategie zum Scheitern verurteilt ist. Langfristig ist der Erwartungswert von Aktienrenditen höher als null bzw. die Verzinsung von Cash, weil Anleger eine Prämie für das eingegangene Risiko fordern. In der Vergangenheit sind Aktienkurse auch deshalb langfristig stetig gestiegen. Wer nun darauf aus ist, günstige Kurse zu erwischen, hält folglich sein Pulver zumindest teilweise trocken und bleibt dem Markt fern. Damit reduziert er die Zeit, in der sein Geld arbeitet. Angesichts langfristig steigender Kurse ist eine reduzierte Kapitalbindungsdauer zumeist schädlich für die Rendite. Das zeigt sich gut beim Kontrast zwischen dem Erfolg von Einmalanlagen und Sparplänen.

Die Historie hat gezeigt, dass Einmalanlagen Sparplänen überlegen sind. Wer einmalig 20.000 Euro investiert, hat nach 20 Jahren bei einer Rendite von fünf Prozent jährlich ein Endvermögen von gut 53.000 Euro. Wer dagegen seine Investments im selben Beispiel auf 20 Jahre stückelt und jedes Jahr 1.000 Euro in einen Sparplan investiert, kommt nach 20 Jahren beim identischen Kapitaleinsatz und einer identischen Rendite auf eine Endsumme von nur 34.700 Euro. (Wir haben hier angesichts des Nullzinsumfelds in der Eurozone unterstellt, dass die Cash-Rendite im abzuschmelzenden Sicherheitstopf bei null Prozent liegt; aber auch wenn er sich mit 1-2 Prozent p.a. verzinsen würde, wäre eine Einmalanlage deutlich lukrativer.)

Dieses theoretische Beispiel wird auch anhand der Marktentwicklung immer wieder bestätigt. Der Erfolg einer Buy and Hold Strategie ist frappierend und fällt mit zunehmender Dauer der Anlage immer eindrucksvoller aus. Das Researchhaus Morningstar hat anhand einer gut 90-jährigen US-Aktienhistorie zwischen 1926 und 2019 Sparpläne mit Einmalanlagen verglichen. Das Ergebnis: Bei Zehn-Jahres-Perioden waren Einmalanlagen in 90 Prozent der Fälle Sparplänen überlegen – ein frappierendes Ergebnis!

3. Schritt für Schritt an den Markt – aber bitte mit Siebenmeilenstiefeln

Nachdem wir die Probleme der Buy the Dip Strategie skizziert haben, werden Anleger überrascht sein, dass wir jetzt doch für ein schrittweises Investieren eine Lanze brechen. Der Grund ist die oben erwähnte Risikoaversion, die dazu führt, dass Anleger aus Angst vor Verlusten viel zu lange ihr „Pulver trocken halten“. Wer auf einem Batzen Geld sitzt, den er investieren will, kann durchaus in drei, fünf oder zehn monatlichen Tranchen investieren. Das verbessert zwar nicht notwendigerweise die Performance, hilft aber den inneren Schweinehund zu überwinden. Wichtig ist, dass Anleger das Geld möglichst zügig unterbringen.

Dann ist die Bilanz übrigens nicht ganz so schlimm. In der oben erwähnten Morningstar-Studie steigt die Erfolgsquote von Sparplänen mit ihrer abnehmenden Dauer. So waren bei einem Anlagehorizont von zehn Monaten Einmalanlagen nur noch in gut 72 Prozent der Fälle Sparplänen überlegen – verglichen mit 90 Prozent der Fälle bei Zehnjahres-Perioden.

Zudem haben die meisten Anleger nicht den Luxus, sich zwischen Sparplänen und Einmalanlagen entscheiden zu können. Die meisten von uns haben keinen dicken Batzen Geld auf der hohen Kante, sondern sind darauf angewiesen, aus dem laufenden Cashflow zu investieren. Wer nicht reich geboren wurde, muss mühsam Schritt für Schritt zu einem Vermögen kommen.

4. In Szenarien denken und investieren

Wer ein Weltbild hat, investiert in Szenarien. Dann ist „der Markt“ nicht der Referenzpunkt, sondern es wird eine bestimmte Abweichung von diesem angestrebt. Portfolios werden oft nach Themen aufgebaut. Die Präferenzen variieren nach Lebensphase, Risikobereitschaft und Laufzeit. Ein junger Anleger, der noch viele Jahre des Investierens vor sich hat, kann andere Risiken eingehen als ein Anleger, der in der Entnahmephase seines Lebens ist. Wir stellen hier vier gängige, thematisch ausgerichtete Szenarien vor.

Inflationsschutz

Inflationsschutz-Investments sind für viele Investoren in Zeiten hoher Teuerung und überschießender Rohstoffpreise beliebt. Tatsächlich haben Energie- und Rohstoff-Investments in diesem Jahr eine hervorragende Bilanz vorzuweisen. Wichtig ist jedoch, nicht „all-in“ zu gehen. Bei einer Fokussierung auf wenige Kapitalmarktsegmente schneiden sich Anleger von der Breite des Marktes ab und schließen langfristig wichtige Performance-Quellen aus. Edelmetalle mögen zwar kurzfristig Aktienrisiken diversifizieren, aber sie werfen keinen Zinsen oder Dividenden ab, erwirtschaften keine Cashflows und sind insofern unzuverlässige Renditebringer. Diversifikation ist auch für Inflations-Buster Pflicht. (Zumal viele Rohstoffe zyklische Risiken beinhalten.)

Dividendenstrategien

Anleger, die Wert auf eine hohe laufende Ausschüttungen legen, investieren in Aktien von Unternehmen mit hoher Dividendenrendite. In einem Nullzins-Umfeld können Dividendenportfolios mit Ausschüttungsrenditen von bis zu sieben Prozent Zinsfüchse ins Wanken bringen. Doch Vorsicht ist angebracht. Wer in Hochdividenden-Aktien investiert, setzt auf Legacy-Branchen, wo wenig investiert wird. Oftmals verbergen sich zudem hinter hohen Dividenden-Renditen gefallene Engel, also Unternehmen, deren Kurse aus fundamentalen Gründen gefallen und deren scheinbar attraktive Dividenden nicht sicher sind.

Es gilt also, eine Balance zwischen hohen Ausschüttungen unter der Qualität der Unternehmen zu finden. Es bietet sich an, darauf zu achten, dass die Bilanzkennzahlen, etwa Cashflows, Eigenkapitalrenditen und das Gewinnwachstum solide sind. Sogenannte Dividenden-Aristokraten sind hochwertige Unternehmen, die in der Lage sind, ihre Dividenden über eine lange Zeit kontinuierlich zu steigern. Aber dann landet man bei Qualitäts-Aktien, die oftmals unspektakuläre Dividendenrenditen haben.

Wachstumsstrategien

Wer in den vergangenen Jahren Wachstum sagte, meinte oft stark wachsende Technologie-Unternehmen. Doch viele dieser Unternehmen wachsen nicht profitabel. In Zeiten niedriger Anleiherenditen waren Anleger bereit, auf die Cashflows der Zukunft zu warten. Das hat sich gründlich verändert. Die meisten Anleger erwarten heute profitables Wachstum. Plattform-Unternehmen wie Apple oder Alphabet bieten beides: Wachstum und Profitabilität. Und nicht nur solche Wachstumsunternehmen punkten: Small Caps, deren Geschäftsmodelle konzentriert und erfolgreich sind, entfalten eine Hebelwirkung. Auch Unternehmen, die ihre Prozesse und Strategien digitalisieren, sind in der Lage, überdurchschnittlich zu wachsen und dabei durch Skaleneffekte nicht nur beim Umsatz, sondern auch bei den Cashflows zuzulegen. Hier geht es oft um Qualität statt Wildwuchs-Growth.

Nachhaltigkeitsstrategien

Anleger wollen nachhaltig investieren. Umweltschutz, die Einhaltung sozialer Standards sowie eine gute Unternehmensführung sind für viele Anleger wichtig. Das bedeutet eine Umkehr vom Primat des Shareholder Value hin zu einem verantwortlichen Wirtschaften, das die Interessen der Stakeholder in Rechnung stellt. Diese Prioritätenverschiebung hat Nachhaltigkeitsfonds in den vergangenen Jahren einen immensen Schub verliehen. Was steckt dahinter?

In ESG-Portfolios finden sich häufig Firmen aus den Bereichen Technologie, hochwertige Unternehmen aus den Schwellenländern und Hersteller alternativer Energien. Zudem werden bestimmte Branchen ausgeschlossen (Waffen, Kernenergie, Förderer fossiler Energieträger usw.). Anleger kaufen Unternehmen mit guten und verkaufen Unternehmen mit schlechten ESG-Ratings. Das hatte in den vergangenen Jahren eine deutliche Outperformance von Growth- und Quality-Aktien zur Folge. Doch der Wind hat sich in den vergangenen Monaten gedreht. ESG-Portfolios underperformen konventionelle Portfolios. Das zeigt gerade jüngeren Investoren, dass ESG-Portfolios in bestimmten Marktlagen keine gute Performance erzielen, mögen sie in noch so saubere Firmen investieren.

Apropos sauber: Inzwischen hat sich die EU-Kommission entschieden, Gas- und Nuklearenergie für eine Übergangszeit als „nachhaltig“ und damit im Rahmen der EU-Initiative für nachhaltige Finanzen als förderwürdig zu deklarieren. Vielleicht wird ja im Zuge der Aufstockung der militärischen Kapazitäten auch die Herstellung von „demokratischen“ Rüstungsgütern die EU-Taxonomie entsprechend erweitert? Nachhaltigkeit ist also im Auge des unsteten Betrachters.

Fazit

Die Analyse von vier beliebten Investment-Strategien hat gezeigt, dass es eigentlich nur eine lupenreine, uneingeschränkt empfehlenswerte Strategie gibt: Buy and Hold. Alle anderen Strategien setzen eine gewisse Abwesenheit vom Markt voraus, was der langfristigen Rendite schadet. Schrittweise, aber zügig zu investieren, ist für die Investmentpraxis vermutlich die zweitbeste Möglichkeit, die der Einmalanlage, die für Buy and Hold steht, recht nahekommt. Buy the Dip ist in der Praxis eine fürchterliche Strategie, auch wenn sie unter Anlegern beliebt ist.

Strategie-geleitete Investments spielen in der Liga für Fortgeschrittene. Allerdings ist auch hier zu unterscheiden, ob es sich um Langfriststrategien handelt, die sinnvoll sein können, oder ob thematische Strategien kurzfristig zur Absicherung oder zu Spekulationszwecken genutzt werden. Ist Letzteres der Fall, handelt es sich um Market Timing, was langfristig zumeist keine guten Ergebnisse bringt. Doch selbst bei wohlüberlegten Langfriststrategien müssen Anleger die Balance halten zwischen der Umsetzung eines Weltbilds und der Gefahr von Konzentrationsrisiken, die thematische Investments mit sich bringen.
 

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