Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 16.08.2019

„Geld regiert die Welt?“
Anzeichen einer weiteren Eskalation im Handels-konflikt zwischen den USA und China, zusätzliche geopolitische Risiken (Argentinien und Hong Kong) sowie schwache Konjunkturdaten aus China drückten zu Beginn der Kalenderwoche auf das Anlegerverhalten, lasteten auf risikobehafteten Vermögens-werten bzw. Rohstoffen (ex Gold), während Investoren Zuflucht in Staatsanleihen suchten.

In Erwartung einer möglicherweise stärkeren globalen Wachstumsabschwächung dürfte dies zusätzli-chen Druck auf die weltweiten Notenbanken bzw. Regierungen ausüben, ihre Geld- und Fiskalpolitik zu lockern. Das wäre vor allem für China zu erwar-ten, sollten die USA chinesische Importprodukte im Wert von rund 300 Mrd. US-Dollar mit einem neuen Strafzoll von 10% belegen. Zwar ist nach wie vor unklar, ob der spätzyklische Schwenk in Richtung einer expansiveren globalen Geldpolitik ausreicht, um den bestehenden konjunkturellen Gegenwind auszugleichen, die jüngste Eskalation im US-chinesi-schen Handelskonflikt erhöht aber ohne Zweifel die Verwundbarkeit der globalen Konjunktur. Vor diesem Hintergrund rechnen wir in H2/2019 mit einem Wachstum der Weltwirtschaft leicht unter Potenzial, das allerdings mit stärkeren Abwärtsrisiken. Gründe für Überraschungen gibt es ja genug: der Handelskonflikt zwischen China und den USA, die Brexit-Unsicherheit, eventuelle Neuwahlen in Italien, geopolitische Unsicherheit im Nahen Osten oder länderspezifische Risiken in einigen Schwellenländern.

Im Zuge fallender Inflationserwartungen preisen die Kapitalmärkte mehr und mehr geldpolitische Lockerungsmaßnahmen der weltweiten Notenbanken ein. So scheint die billige Liquidität einmal mehr das Zünglein an der Waage zu sein. Seit Jahresbeginn senkten 20 der insgesamt 37 von der Bank for International Settlement (BIS) erfassten Noten-banken ihre Leitzinsen in Summe 30-mal. Das führt zu folgendem Bild:

Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen fiel auf ein neues Allzeittief, so dass die US-Zinsstruktur-kurve so flach wie seit 2007 nicht mehr ist;

  •  Über 60% des gesamten Staatsanleiheuniversums im Euroraum rentiert unter der Nullmarke bzw. über 40% der EU-Staatsanleihen liegen unter dem Einlagezins von -0,4%;
  • Nachdem die Rendite 30-jähriger deutscher Staatsanleihen jüngst ein neues Allzeittief erreichte, weist nun die gesamte Zinsstrukturkurve bis 30 Jahren eine negative Rendite aus.
  • Anleihen im Wert von mehr als 15 Billionen US-Dollar weisen negative Renditen aus, das entspricht fast 30% aller ausstehenden Anleihen weltweit und bedeutet einen Anstieg von 4 Billionen US-Dollar seit Anfang des Jahres.

Dem nicht genug: Die Zinsen dürften auf längere Zeit niedrig bleiben. Der Kapitalmarkt preist derzeit eine Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) für Oktober von 14 Basispunkten (bp) ein, während für die US-Notenbank (Fed) bereits etwa 30bp für September eskomptiert sind bzw. fast 100bp bis Juli 2020. Da trifft es sich gut, dass sich in der kommenden Woche u.a. die Notenbanker und Finanzminister auf der jährlichen Konferenz im amerikanischen Jackson Hole treffen. Der Titel des Symposiums könnte nicht besser gewählt sein: "Challenges for Monetary Policy".

Die Woche Voraus
Der Datenkalender aus den USA ist sonst eher spärlich besetzt. Neben dem FOMC-Sitzungsprotokoll (Mi) zur letzten Fed-Sitzung, das weitere Einblicke über die Meinungsbildung innerhalb des Offenmarktausschusses liefern könnte, dürfte der Fokus auf dem Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes (Do) liegen. Bei Letzterem liegt die Vermutung nahe, dass sich die allmähliche Abschwächung des globalen Wachstums nun auch beim verarbeitenden US-Gewerbe bemerkbar machen könnte. Gleiches gilt für die vorläufigen Einkaufsmanagerindex des verarbeitenden Gewerbes aus der Eurozone (Do). In Asien richtet sich die Aufmerksamkeit vor allem auf Japan. Nach den überraschend positiven Zahlen zum Q2-Wirtschaftswachs-tum, werden mit Interesse die japanischen Handelszahlen (Mo) erwartet. Der ungelöste Handelskonflikt zwischen den USA und China bzw. auch die Spannungen zwischen Japan und Südkorea dürften ihre Spuren in der Handelsstatistik hinterlassen. Gleiches könnte auch für den japanischen Einkaufs-managerindex gelten (Do), während die Verbraucherpreise (Fr) trotz eines engen Arbeitsmarktes und Lohnsteigerungen keine Anzeichen liefern dürften, um von einer nachhaltigen Verbesserung der Teuerungsrate in Japan zu sprechen.

Active is.
Risiken jeglicher Couleur – siehe oben – dürften uns auch in den kommenden Wochen begleiten, darunter auch das Risiko, dass die hohen Erwartungen an die globalen Notenbanken und deren ex-pansive Geldpolitik Enttäuschungspotential mit sich bringen. Zwar kann die billige Liquidität risikoreiche Vermögenswerte weiter begünstigen, die Volatilität niedrig halten und den Konjunkturzyklus abermals verlängern. Dazu gehört notwendigerweise aber auch, dass sich die realökonomischen Daten nachhaltig verbessern – das war zuletzt nicht zu beobachten. So erzielten laut dem Datenanbieter EPFR Geldmarktfonds in der letzten Woche Nettomittelzuflüsse von 103 Mrd. US-Dollar – der zweithöchste Wert seit 2007 –, bzw. Goldfonds Nettomittelzuflüsse die 12-te Woche in Folge. Zudem hat sich der Anteil der Bären gemäß der American Associaton of Individual Investors auf nunmehr 48% erhöht – den höchsten Stand seit Dezember 2018. Die Risikoaver-sion unter Investoren ist stark ausgeprägt. Das könn-te zumindest kurzfristig als technischer Kontraindikator gesehen werden, zumal sich die globalen Aktienindizes laut den Relative-Stärke-Indizes im überverkauften Bereich befinden.

Geld(politik) regiert die Welt, meint Ihr
Stefan Scheurer


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